Wir haben es satt!-DemonstrantInnen fordern Agrar- und Ernährungswende

Am Samstag, den 20.01.2018 wurde das 8. Jahr in Folge gemeinsam für gesundes Essen, bäuerliche und ökologischere Landwirtschaft sowie fairen Handel demonstriert. Parallel zur Agrarmesse „Grüne Woche“, die am Freitag in Berlin begonnen hatte, zogen erneut zahlreiche LandwirtInnen und BürgerInnen auf die Straße um eine Wende in der Agrar- und Ernährungspolitik zu fordern, dieses Mal unter dem Motto „Essen ist politisch“. Die Polizei sprach von mehreren zehntausend TeilnehmerInnen, laut Veranstalter waren es 33.000. Damit habe sich die Teilnehmerzahl im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, erklärte Jochen Fritz, der Sprecher des „Wir haben es satt“-Bündnisses.

Fritz weiter: „Essen ist politisch, immer mehr Menschen erkennen das. Aber die Politik nährt eine Agrarindustrie und lässt sie auf Kosten von Umwelt, Klima und Tieren produzieren. Damit wir alle nicht langfristig die Zeche dafür zahlen, muss die GroKo den Spieß jetzt umdrehen.“ Das Demonstrationsbündnis ruft SPD und Union auf, keine weitere Zeit mehr verstreichen zu lassen und als erste Schritte Glyphosat zu verbieten sowie den überfälligen Umbau der Tierhaltung zu finanzieren, damit Schweine wieder Tageslicht sehen und Kühe auf Weiden grasen können. Darüber hinaus müssten konkrete Projekte in der nächsten Legislaturperiode die Kennzeichnungspflicht bei tierischen Lebensmitteln, das Verbot von Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung und faire Marktregeln zum Schutz von Bauernhöfen sein. „Die GroKo muss junge Men­schen auf dem Land, Existenzgründung in der Landwirtschaft und vielfältige ländliche Räume fördern“, so Elisabeth Freesen, junge Bäuerin aus Niedersachsen, die mit dem Traktor angereist ist.

Ein Konvoi aus mehr als 100 Traktoren…

…aus ganz Deutschland führte die „Wir haben es satt!“-Demonstration durch das Regierungsviertel an. Gestartet wurde um 11 Uhr am Hauptbahnhof, Ziel war das Brandenburger Tor zur Abschlusskundgebung bei Essen und Musik.
Schon am Vormittag hatten die LandwirtInnen, die die Demonstration anführten, eine Protestnote an die 70 versammelten MinisterInnen aus aller Welt übergeben. „Wir wollen raus aus der fatalen Exportorientierung und Landkonzentration, die Bauern hier und weltweit das Genick bricht“, so Fritz über die Folgen der Agrarpolitik. Allein in den letzten 12 Jahren, mussten in Deutschland ein Drittel der Höfe ihre Tore schließen.

Artensterben

Wissenschaftliche Studien belegen den Rückgang von mehr als 75 Prozent der gesamten Biomasse flugaktiver Insekten in geschützten Gebieten während 27 Jahren! Foto: Mellifera Regionalgruppe Berlin

Mit „Vögel und Insekten retten – Neue Agrarpolitik jetzt!“ fordern die NaturschützerInnen ein Ende des massiven Artensterbens auf Wiesen und Feldern sowie eine grundlegende Reform der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik in Europa. Besonders präsent waren dieses Jahr Themen rund um den Schutz und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bienen. Zahlreiche Verkleidungen und Transparente machten darauf aufmerksam, dass die Aussichten für ImkerInnen und Bienen immer düsterer werden – „kein Imker will seine Völker neben Monokulturen stellen, auf denen hochtoxische Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden. Die Bedingungen für Honigbienen werden immer schlechter, sie werden vergiftet und finden nach der Rapsblüte kaum noch Nahrung“, so die Melliferra Regionalgruppe Berlin.

Kochtopfkonzert

Vor dem Agrarministergipfel im Bundeswirtschaftsministerium schlugen die DemonstrantInnen auf ihre Kochtöpfe unter dem Motto „Wir schlagen gemeinsam Alarm für die Agrar- und Ernährungswende!“ um von draußen ein unüberhörbares Signal zu senden, während drinnen auf Einladung der Bundesregierung MinisterInnen aus der ganzen Welt tagen. Sie fordern die Achtung der Menschenrechte, faire Handelsbedingungen und mehr Unterstützung für die ländliche Bevölkerung weltweit.

Supp’n Talk

Im Anschluss an die Demonstration und die Abschlusskundgebung wurde noch zur Heinrich-Böll-Stiftung geladen, um Körper und Geist bei „Supp’n Talk“ zu stärken und um sich über praktische Veränderungen, Kampagnen, Möglichkeiten zum Widerstand und nachhaltige Innovationen in der Lebensmittel- und Landwirtschaft auszutauschen.

Eberswalde auf dem Weg zur Wir-habens-satt!-Demo (Foto: Christian Förster)

Das Netzwerk Wir haben es satt! wird von rund 50 Organisationen unterstützt, darunter sind Brot für die Welt, der Deutsche Tierschutzbund sowie die Umweltverbände Nabu und Bund.
Unter den DemonstrantInnen waren auch dieses Jahr wieder zahlreiche Studierende der HNE Eberswalde.

Das könnte Dich auch interessieren …