Good Garment Collective – Mode mit Gewissen. Ein Interview mit Marita Jablonski

Kleidung mit Geschichte statt sinnlose Stofffetzen – Marita Jablonski erzählt uns von nachhaltiger Kleidungsproduktion und der Zukunft der Modebranche.

Frau Jablonski was hat sie dazu bewegt, eine Produktionsberatung für nachhaltige Bekleidung zu gründen?

Wir machen nicht nur Beratung sondern wir produzieren auch Bekleidung, d.h. die Produktionsberatung ist ein Teil dieses Prozesses. In erster Linie geht es hauptsächlich darum, die Materialbeschaffung für unsere Kunden zu übernehmen, Schnitte zu entwickeln, Prototypen zu fertigen, und sie danach in der Produktion zu unterstützen. Also im Grunde genommen alles was dafür nötig ist ein Textil herzustellen.

Der Grund warum wir unsere Firma gegründet haben ist, dass wir einen Bedarf sehen. Es gibt viele Fashion Start-ups und Firmen die nachhaltig produzieren wollen, denen aber das Netzwerk und die Expertise fehlen solche Produkte umzusetzen oder zu entwickeln. Da gibt es viele Bereiche wo wir zuarbeiten können.

Welches Nachhaltigkeitsverständnis liegt ihrer Arbeit zu Grunde? Bedeutet für sie nachhaltig gleich ökologisch?

Das Wort Nachhaltigkeit begreifen wir wesentlich umfassender als nur ökologisch. Soziale Verantwortung und ökonmische Sinnhaftigkeit sind zwei weitere wichtige Komponenten. Wir versuchen die Produkte dahingehend zu entwickeln. Soziale Verantwortung bezieht sich z.B. auf die Produktionsbedingungen in den Betrieben mit denen wir zusammenarbeiten.

Wir versuchen unsere Lieferwege kurz zu halten und arbeiten daher zum Teil mit lokalen Betrieben in nur einer oder einandhalb Stunden Entfernung von Berlin zusammen. Wir produzieren ausschließlich in Europa. Hauptsächlich in Polen oder Deutschland.

Die Stoffe kommen zum Teil von etwas weiter weg, aus Italien oder Portugal. Sie sind entweder aus ökologischem Anbau oder auch aus recycelten Materialien hergestellt. Wir achten auch darauf, ob das Produkt ein gutes Produkt im ökonomischen Sinne ist oder ob man es eventuell aufwerten kann in dem man es langlebiger macht.

Wer arbeitet bei Good Garment Collective?

Der Kernbereich des Teams sind die vier Gründerinnen. Alle haben einen Modehintergrund, teilweise technisch teilweise kreativ. Wir haben zwei aus der Bekleidungstechnik, die die schnitttechnische Entwicklung der Kleidungsstücke und die digitale Schnitterstellung übernehmen. Sie überlegen sich auch die Größensysteme. Dann arbeitet bei uns noch eine Produktentwicklerin. Sie ist Maßschneiderin und kümmert sich um die Verarbeitung der Produkte und entwickelt die Produkte mit den Schnittmachern zusammen. Ich kümmere mich um die Produktion. Ich suche die Produktionsstätten, die digitalen Druckereien, Zulieferer die notwendig sind um das Produkt zu machen. Ich habe Modedesign gelernt und einen Master in Fashion Management. Unsere Werkstudentin, die uns zuarbeitet studiert auch Modedesign.

Jeder für sich hat schon während seiner Ausbildung die Idee der Nachhaltigkeit auf der Agenda gehabt. Unsere Master und Diplomarbeiten hatten dieses Thema zu Grunde gelegt. Es hat sich also schon im Studium herauskristalisiert, dass es uns weniger um Massenproduktion oder gehaltlose Produkte geht. Es gab schon eine gewisse Sensibilität dafür gibt, dass Produkte kreiiert werden, die in irgendeiner Hinsicht einen Tiefgang haben. Der Nachhaltigkeitsgedanke war bei uns allen schon verankert. Wir haben uns getroffen und gesehen, dass wir die gleichen Werte haben und Kompetenzen, die sich ergänzen. So ist die Idee für eine gemeinsame Firma entstanden.

Sie bieten unter anderem auch Workshops zu nachhaltiger Mode mit Circular Economy an. Was kann man sich unter kreislauffähigen Kollektionen vorstellen?

Kreislauffähige Produkte beziehen sich nicht nur auf die Bekleidung. Es sind in erster Linie Produkte, die sich nicht nur auf die Spanne von Schaffensphase bis hin zum Consumer beziehen, sondern sich Gedanken um den ganzen Lebenszyklus des Produktes machen. D.h. ganz praktisch was kann mit dem Kleidungsstück passieren, wenn es ausgetragen ist. Am besten ist es kein Müll, sondern kann über Upcycling wieder neu verwendet werden, es gibt einen neuen Träger oder man kann die Rohstoffe so extrahieren, dass man sie neu in den Kreislauf einfügen kann. Die Idee ist, dass in dem ganzen Zyklus von einem Produkt tatsächlich kein Müll entsteht, sondern die Rohstoffe ewig im Zyklus gehalten werden.

Es gibt verschiedene Ansätze und Konzepte dazu z.B. den Zero Waste-Ansatz, wo man schon bei der Schnittentwicklung daruaf achtet, dass beim Zuschnitt keine Offcuts (Stoffüberreste) entstehen. Oder wirklich langlebige Produkte und in Ergänzung einen angebotenen repair-Service. Durch das upcycling kann durch die Wiederverwendung von Materialien, die für einen Müll sind und für jemand anderen noch brauchbar sind, wieder Neues enstehen. Downcycling gibt es auch als Konzept. Da geht es darum, dass man Stoffe die nicht mehr gebraucht werden z.B. schreddert und daraus Malerwolle, Putzlappen oder ähnliches herstellt. In irgendeiner anderen Form den Rohstoff weiternutzen. Das ist im Prinzip die Idee von Kreislauffähigen Produkten.

Das ist sehr komplex und man muss es vor allem schon in der Designphase mitdenken. Da es bestimmte Voraussetzungen gibt, damit ein Produkt im Kreislauf gehalten werden kann. Das ist ein super spannendes Thema, da wir schon im Designprozess Einfluss haben und den Designern auch unseren Input mitgeben können.

In welchen Bereichen ihrer Arbeit haben sie diese Ansätze schon integriert?

Wir sind die Schnittstelle zwischen verschiedenen Herstellern und Nähereien und es interessant zu sehen, wie sich alles gegenseitig beeinflusst. Wir als Firma können in den einzelnen Produktionsschritten viel Einfluss nehmen

Zum Beispiel entwickeln wir schon Produkte, die, wenn sie ausgetragen sind wieder zu einem Sortierer zurück gegeben werden können. Wenn die Materialien, die verwendet wurden wie z.B. Garn, Reisverschlüsse oder Klettverschlüsse aus recycelfähigen Stoffen wie Polyester bestehen, können sie dort in ihre Einzelteile zerlegt und somit koplett recycelt werden und als Rohstoff weitergenutzt werden.

Bevor es dazu kommt sollte aber erst überprüft werden, ob das Produkt nicht noch von jemandem anderen getragen werden kann oder ob es wirklich nicht mehr gebraucht wird. Es kann verschiedene Gründe haben warum man ein Kleidungsstück nicht mehr in seinem Kleiderschrank haben will. Entweder es hat ausgedient oder entspricht nicht mehr dem Geschmack des Besitzers.

Es gibt also nicht nur ein Konzept. Wenn wir mit den Designern reden, dann sensibilisieren wir sie für dieses Thema und wenn es bei einer Kollektion möglich ist, empfehlen wir in der Materialbeschaffung Komponenten, die wieder recycelfähig sind.

Zu den ökonomischen Ansätzen gehört zum Beispiel, dass wir zusammen mit den Designern überlegen nicht jede Saison eine komplett neue Kollektion zu entwerfen. Man kan auch auf die alte Kollektion aufbauen und diese weiterentwickeln. Genauso beraten wir sie oft dahinführend nicht 100 verschiedene Stoffe aus fünf verschiedenen Ländern zu benutzen, sondern eine kleinere qualitativ hochwertige Auswahl zu treffen von nur einem Hersteller.

Wer kommt zu ihnen, wer sind ihre Kunden? Und sind diese schon sensibilisiert für das Thema Nachhaltigkeit?

Das ist gemischt. Wir haben zwei große Kundengruppen. Zum einen fachfremde Kunden, also Leute ohne bekleidungstechnischen Hintergrund beispielsweise aus dem Vertrieb. Wenn diese schon mal von Nachhaltigkeit gehört haben, beschränkt sich das eher auf die ökologische Ebene und die guten Matrialeigenschaften von Polyester. Wir machen es uns dann zur Aufgabe sie noch weiter zu sensibilisieren. Dann gibt es noch die Kunden vom Fach. Viele von denen haben das Thema Nachhaltigkeit schon auf ihrer Agenda, weswegen sie uns auch ansprechen. Wir sind für sie als Produktionsagentur und Partner interessant, weil wir das gleiche Wertesystem haben. Sei es, dass sie sich besser bei uns aufgehoben fühlen oder das Gefühl haben, mit jemandem zu sprechen der die gleiche Vorstellungen von Produkten hat wie sie – was in der Zusammenarbeit total wichtig ist.

Oft sind es Zweimannbetriebe, denen einfach die Kapazitäten fehlen, um alle Sachen für die Modenschauen und zur Fashion Week fertig zu bekommen. Wir helfen ihnen dann z.B. mit der Schnittentwicklung.

Für wen ist Green Fashion?

Das ist eine gute Frage. Generell glaube ich das Green Fashion für Leute ist, die sich mit Produkten bewusst auseinander setzen, sich Gedanken machen wie diese hergestellt werden und sie dann auch mehr wertschätzen. Egal ob Lebensmittel oder Bekleidung. Oft ist es ja so, dass bei Kleidung die günstiger ist, der Preis nicht den Wert des Textils widerspiegelt. Da wurden dann vielleicht keine fairen Löhne gezahlt. Es gibt oft einen Grund warum Preise so niedrig sind. Für mich geht es immer um die Frage, was denn ein Textil überhaupt wert ist? Und ich glaube Menschen, die sich mit dieser Frage auseinander setzen für die ist Green Fashion interessant. Es geht auch um eine Wertschätzung für das Produkt. Bei Lebensmitteln ist die Sensibilität vielleicht noch stärker, da man sie zu sich nimmt. Aber ich glaube, auch Bekleidung, da man sie ja auf der Haut trägt, es also einen tatsächlichen Kontakt gibt, ist für viele wichtig. Ich glaube Leute sind durch die Komplexität abgeschreckt. Es gibt unglaublich viele Zertifikate und Nachhaltigkeit ist nicht wirklich greifbar für viele oder beschränkt sich auf den ökologischen Aspekt.

Es ist ein Trugschluss, dass Materialien, die nachhaltig produziert sind so viel teurer sind. Was für die Labels eher schwierig ist sind die kleinen Auflagen, da der Stückpreis je niedriger die Auflage ist teurer wird. Es macht also einen großen ökonomischen Unterschied, wenn man 100 T-Shirts oder 1000 T-Shirts produziert. Auch weil letztendlich der Transport durch die Stückzahl geteilt wird und die Produktentwicklung über die Anzahl der Produkte, die später verkauft werden, abgeschrieben wird.

Stichwort Locomore. Wie kam die Zusammenarbeit mit Locomore zustande?

Locomore war ein spannendes Projekt. Es ist toll auf Gleichgesinnte zu treffen. Für sie ist Nachhaltigkeit auch ein wichtiges Thema und da waren als Partner für die Entwicklung und Produktion der Zugbekleidung ein gutes Match. Für die Uniformen haben wir Biobaumwolle verwendet und lokal produzieren lassen. Die haben jemanden gesucht, der auf diesem Niveau Bekleidung herstellen kann. Solche Kooperationen finden wir natürlich immer sehr spannend.

Zum Abschluss noch eine etwas kritischere Frage. In den Innenstädten reiht sich eine internationale Modekette an die andere. Oftmals sind die Produktionsbedingungen dieser Unternehmen sehr fragwürdig. Was wünschen Sie sich für die Modebranche?

Ich wünsche mir eine generelle Wertschätzung für Handarbeit und Bekleidung und eine Auseinandersetzung mit den Produkten. Textlien sollen nicht mehr einfach nur seelenlose Stofffetzen sein, die man im Schrank hängen hat, sondern Kleidungsstücke müssen wieder einen Wert bekommen. Am besten man hat wieder ganz viele Lieblingsteile im Kleiderschrank, die man pflegt und gern trägt, wo man weiß woher sie kommen. Es geht für mich nicht darum, dass alle Kleidungsstücke nachhaltig produziert sein müssen. Wichtig ist das sie wieder einen Wert bekommen. Das kann ein Geschenk von der Oma oder vom Nachabrn sein. Oder etwas was man im Second Hand-Laden oder Flohmarkt gefunden hat.

Es gibt auch super spannende Projekte wie MUD Jeans, die ihre Kleidung leasen. Da zahlt man einen monatlichen Beitrag, bekommt seine Jeans zugeschickt und wenn man sie nicht mehr möchte, schickt man sie zurück. Dann wird sie recycelt und wird für den nächsten Pulli oder eine neue Jeans verwendet. Das sind alles neue Konzepte in der Bekleidungsindustrie, die auch unglaublich viel dazu betragen, dass weniger Müll produziert wird.

Unsere Vision ist es, dass es vom Konsum billiger Ware in einen Konsum übergeht, der wieder Spaß macht und man vielleicht sogar stolz ist auf das was man trägt. Ich glaube, dass es auch gut für einen selbst ist, wenn man etwas trägt was sich gut anfühlt und man daduch gestärkt wird.

Wichtig ist Vielfalt also nicht nur eine Form der Nachhaltigkeit facettenreich, was wir auch unterstützen wollen mit unserer Arbeit. Von recyceltem Polyester über Regeneratfasern hin zu kontrolliert ökologischen Anbau von Baumwolle gibt es ein ganz großes Spektrum an Materialien und Unternehmenskonzepten. Ein Dawanda-Webshop hat für genau so eine Rechtfertigung wie ein professioneller Onlineshop wie MUD Jeans. Es ist wichtig, dass es diese Vielfalt an kleineren Labels gibt anstatt nur Riesenlabels, die Textilien produzieren, die nicht so richtig was zu erzählen haben.

Falls Sie auch einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung ihres Unternehmens leisten möchten, lohnt sich ein Blick auf die Seiten unseres berufsbegleitenden Masters „Strategisches Nachhaltigkeitsmanagement“.

 

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