Interview zur Barnimer Nachhaltigkeitsstrategie

 

 

 

 

 

 

Der Landkreis Barnim (Brandenburg) entwickelt derzeit eine Nachhaltigkeitsstrategie und nutzt hierfür den Austausch und die Expertise der Teilnehmer*innen des Moduls „Entwicklung einer robusten Nachhaltigkeitsstrategie“ im berufsbegleitenden Masterstudiengang „Strategisches Nachhaltigkeitsmanagement“ der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Dr. Wilhelm Benfer, Leiter des Strukturentwicklungs- und Bauordnungsamtes, leitet das Projekt und stand uns für ein Interview zur Verfügung.

 

Frage: Herr Dr. Benfer, was hat den Anlass für den Landkreis Barnim gegeben, jetzt eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln?

Dr. Wilhelm Benfer, Leiter des Strukturentwicklungs- und Bauordnungsamtes

Der Landkreis Barnim hat in den vergangenen Jahren viele kleine und große Maßnahmen umgesetzt, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzten. Besonders die Barnimer Energiegesellschaft mbH, die mit der Umsetzung der sogenannten Null-Emissions-Strategie des Landkreises Barnim betraut ist, setzte bereits zahlreiche Projekte vorrangig zu den Themen Erneuerbare Energien und CO2-Einsparung um. Auch der Sitz der Kreisverwaltung, das Paul-Wunderlich-Haus, als eines der modernsten ökologischen Verwaltungsgebäude Deutschlands repräsentiert den Gedanken der Nachhaltigkeit und der Ressourcenschonung.

Insofern liegt es nahe, dass der Landkreis Barnim sein Arbeiten und Wirken gern noch nachhaltiger gestalten möchte. Insbesondere die bestehenden konzeptionellen Arbeits- und Handlungsgrundlagen sollen dabei einem Nachhaltigkeitscheck unterzogen werden.

Der vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ausgeschriebene Wettbewerb „Lebendige Regionen – aktive Regionalentwicklung als Zukunftsaufgabe“ hat uns als Landkreis dann eine willkommene Chance gegeben, diese Bemühungen weiter fortzuführen.

 

Frage: Gibt es Vorbilder bei anderen Landkreisen oder „erfindet“ der Landkreis Barnim das „Nachhaltigkeits-Rad“ neu?

Es ist inzwischen weltweit anerkannt, dass Kommunen eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen bzw. bei der Erreichung der SDG spielen werden. In der Bundesrepublik hat dies bereits vor einigen Jahren dazu geführt, dass sich schon zahlreiche Städte und Gemeinden auf den Weg der Erarbeitung eigener Nachhaltigkeitsstrategien gemacht haben. Landkreise sind demgegenüber bei diesem kommunalen Engagement zahlenmäßig deutlich geringer vertreten.

Sicherlich möchte der Landkreis Barnim das „Nachhaltigkeits-Rad“ nicht neu erfinden, aber für die beabsichtigte Herangehensweise gibt es m.E. keine Vorbilder, die wir guten Gewissens kopieren könnten.

 

Frage: Worin sehen Sie Hürden bei der Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie?

Wir beabsichtigen eine Nachhaltigkeitsstrategie erarbeiten zu lassen, die die einzelnen Aufgaben- und Leistungsbereiche der Kreisverwaltung aufgreift. Hier gilt es also, abstraktes Wissen zu den Prinzipien der Nachhaltigkeit konkret auf eine im Wesentlichen gesetzlich normierte Leistungserbringung einer Kreisverwaltung herunter zu brechen. Hierbei bereits an den konzeptionellen Grundlagen für die sektorspezifischen Leistungen anzusetzen, wird m.E. eine weitere Herausforderung darstellen. Eine zusätzliche Hürde wird die Aufgabe sein, bei der sektorspezifischen Operationalisierung der Nachhaltigkeitsprinzipien nicht den Bezug auf das Agieren des Landkreises als Ganzes aus dem Blick zu verlieren.

Schließlich ist damit zu rechnen, dass das ‚Einpflanzen‘ der gewonnenen Ergebnisse in den alltäglichen behördlichen Arbeitsprozess in allen Bereichen der Kreisverwaltung eine anspruchsvolle Aufgabe sein wird. Dies gilt umso mehr, als eine explizite Verpflichtung zur Einhaltung der Grundsätze der Nachhaltigkeit in den wenigsten gesetzlichen Grundlagen der Verwaltungsarbeit enthalten ist. Insofern wird die erfolgreiche Umsetzung, auch stark davon abhängen, die gesamte Mitarbeiterschaft hierfür zu sensibilisieren und bestenfalls auch zu begeistern.

 

Frage: Haben denn die beteiligten Akteur*innen ein gemeinsames Nachhaltigkeitsverständnis? Ist das überhaupt erforderlich?

Das Nachhaltigkeitsverständnis der beteiligten Akteur*innen und die Erwartungen an eine nachhaltige Entwicklungsstrategie dürften zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr verschieden sein. Diesbezüglich stellt der Landkreis aber sicherlich keine Ausnahme dar. Unser Anspruch ist es aber schon, ein gewisses Maß an Harmonisierung im Verständnis zu erreichen, da dies für eine konstruktive Abarbeitung der Zielstellung sehr förderlich wäre.

 

Frage: Was versprechen Sie sich von der Zusammenarbeit mit den Studierenden des Studiengangs „Strategisches Nachhaltigkeitsmanagement“?

Das erste Zusammentreffen mit den Studierenden im Dezember 2016 brachte uns bereits die Erkenntnis, dass es durchaus nicht einfach ist, unser Anliegen einem Dritten zu vermitteln. Der Austausch mit den Studierenden ist daher sehr hilfreich, um unsere Vorstellungen weiter zu schärfen. Dies ist u.a. allein schon für die anstehende Durchführung eines Beschaffungsverfahrens sinnvoll. Wir haben nämlich Fördermittel bekommen, um einen Anbieter (z.B. ein Planungsbüro) auszuwählen und damit zu beauftragen, unseren Vorstellungen entsprechend eine Nachhaltigkeitsstrategie für den Barnim zu entwickeln.

Schon die bisherige Zusammenarbeit mit den Studierenden hat aber neben der Schärfung unseres eigenen Verständnisses dazu geführt, dass wir Anregungen für die Aufnahme einzelner Aufgabenstellungen erhalten haben, die wir bislang noch nicht bei der Festlegung des Ausschreibungsgegenstandes berücksichtigt hatten. Dies betrifft z.B. das Personalmanagement, die Zufriedenheit der Beschäftigten allgemein, wie auch einzelne Aspekte der Kommunikation der Strategie und deren Maßnahmen nach innen.

Schließlich wird mit Spannung zu verfolgen sein, inwieweit die bisherigen beruflichen Erfahrungshintergründe der Studierenden, die nicht in der öffentlichen Verwaltung liegen, für weitere inhaltliche Impulse für unser Vorhaben sorgen. Das wird sich in der nächsten Präsenzphase im Februar 2017 zeigen, wenn wir gemeinsam ein systemisches Leitbild als eine Grundlage für die Nachhaltigkeitsstrategie entwickeln.

 

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