„Wertebotschaften statt Werbebotschaften“ – Interview mit Kommunikationsdesignerin Carolin Oelsner

Carolin Oelsner

Carolin Oelsner ist Dipl.-Designerin und bewegt sich im Tätigkeitsfeld Kommunikationsdesign. Als Freelancerin in Berlin bietet sie Konzeption und Umsetzung von Entwürfen/Layouts, Gestaltung von Informationsgrafiken und komplexeren Medienprodukten an. Besonderes Augenmerk legt sie dabei auf die Ganzheitlichkeit ihrer Gestaltungen und auf vernetztes Arbeiten. Sie sieht sich als nachhaltige Gestalterin an einer entscheidenden Schnittstelle und in Verantwortung unserer Gesellschaft. 

Ihr Leitsatz lautet „Wertebotschaften statt Werbebotschaften“. Sehen Sie einen Zielkonflikt zwischen Nachhaltigkeit und guter, kreativen Kommunikation und Werbung?

Werbung drängt sich oft ungefragt auf und konstruiert ein übergestülptes Image für Produkte ohne Sinn. Oft wird mehr versprochen als eigentlich „drin“ ist – wenn das Produkt sonst kein Alleinstellungsmerkmal hat, wird eben nur ein Lebensgefühl gebrandet. Mir ist bei der Kreation die ehrliche Kommunikation wichtig, die vom Inhalt her argumentiert.

Was hat Sie dazu bewegt, Ihre Design-Tätigkeiten auf Nachhaltigkeit auszurichten?

Nachhaltigkeit war ein Wahlpflichtfach an meiner Hochschule in Schwäbisch Gmünd. Mit den ersten komplexeren  Projekten nach dem Studium ist mir aber erst bewusst geworden, dass mir Projekte mit fundierten Inhalten und Botschaften viel mehr Sinn geben. Um qualitativ überzeugendes Design zu entwickeln, muss ich voll und ganz hinter dem stehen, was meine Auftraggeber kommunizieren wollen. Es ist mir ein großes Anliegen, mit meinem Beruf, meiner Profession, wichtige Themen durch Design zugänglicher und verständlicher zu machen. Und es gibt noch viel zu tun.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die bestehende Marketing-Landschaft bereits den aktuellen Herausforderungen von Nachhaltigkeit angepasst hat?

Jein, die Werbung hat bereits erkannt was den Menschen wichtiger geworden ist und dass sie sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Die konventionelle Werbeindustrie kommuniziert nicht mehr ganz so platt, stülpt seltener ein beliebiges Image über.
Aber man muss immer noch unterscheiden zwischen Greenwashing-Kampagnen und integren Kampagnen, welche Produkte/Themen mit sinnvollem Mehrwert oder gesellschaftlicher Relevanz bewerben.

Dimensionen nachhaltigen Designs

Welche Rolle kann Design sowie Marken- und Unternehmenskommunikation bei einer Transformation spielen?

Design nimmt nicht nur am Ende der Kette eine wichtige Rolle als visuelle Übersetzung von Inhalten ein, sondern hinterfragt auch die Prozesse oder den Produktzyklus strategisch. Oft werden Materialien von Produkten nur durch Materialwechsel ökologischer gemacht, aber das ist nur die Hälfte des Weges. Nehmen wir als Beispiel die Modeindustrie: Eco-Fashion-Marken achten auf umweltfreundliche und giftfreie Stoffe sowie faire Produktionen. Wenn dann aber Kollektionen weiterhin im jahreszeitlichen Rhythmus erscheinen um das Verlangen der Konsumenten zu füttern, welches besteht da ständig neue Trends geschaffen werden, füttern sie die konventionelle profitgetriebene Modeindustrie. Die Unternehmen müssen sowieso langfristig wirtschaftlich vollständig umdenken, typische Nutzungsszenarien und Prozesse überdenken – z.B. in Richtung Kreislaufwirtschaft, Upcycling und Sharing-Economy. Design setzt also viel eher im Prozess an, als den meisten klar ist. Designer sollten von Anfang an mitentwickeln. Design spielt also eine sehr wesentliche Rolle für eine erfolgreiche Transformation.

Sie sind Unterzeichnerin der „Charta für nachhaltiges Design“. Wozu verpflichten Sie sich dadurch?

Es handelt sich um ein Paper, das der AGD – der Allgemeine Deutsche Designerbund aufgesetzt hat. Bei dem man sich verpflichtet, sich mit den Prinzipien nachhaltigen Designs zu identifizieren, diese nach außen zu tragen und in der Projektarbeit umzusetzen. Es geht darum, Auftraggeber zu beraten, wie Produkte und Prozesse nachhaltig und partizipativ gestaltet werden. Denn man bewegt sich immer im Spannungsfeld zwischen Budget, Zeit und Qualität – und dem, was damit umsetzbar ist. Verpflichten klingt sehr zwanghaft, das ist es für mich aber gar nicht. Es erleichtert mir in der Projektgestaltung die Argumentation, warum ich bestimmte Vorgehensweisen bevorzuge. Für mich ist es in erster Linie ein offizielles Papier, das die Arbeitsweisen umschreibt, die ich sowieso leben möchte.

 Was ist die THINKFARM Berlin, bei der Sie mitarbeiten und welches Konzept steckt dahinter?

Die Thinkfarm ist eine Gemeinschaft von Menschen, die sich für einen Wandel hin zu einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft engagieren und sich in einem gemeinsam organisierten Co-Working-Space in Berlin-Kreuzberg zusammengefunden haben. Hier sind Akteure unterschiedlicher Disziplinen angesiedelt; vom Studenten, Einzelunternehmen, über gemeinnützige Vereine, bis hin zu Social Entrepreneurs und Forschern. Thinkfarmer der ersten Geburtsstunde sind z.B. die sinnwerkstatt: eine nachhaltige Medienagentur; Quartiermeister: eine soziale Biermarke; die fairbindung: ein Verein für Bildung für nachhaltiger Entwicklung und eine solidarische faire Kaffee-Kooperative; das Gründungsteam des Impact Hub Berlin; das netzwerk wachstumswende. das netzwerk n: engagiert sich für einen Wandel an Hochschulen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung in allen Bereichen hochschulischen Handelns; die soulbottles: machen den Wassergenuss aus der Leitung attraktiv mit illustrierten Glasflaschen; und nicht zuletzt der Gemeinwohlökonomie e.V. mit seinem alternativen Wirtschafts- und Bilanzierungsmodell.

Viele von uns sind aktiv daran beteiligt den Wandel voranzubringen, teilweise auch zu erforschen, dafür gibt es unser Format „Transition-Lab“. Wir möchten andere Menschen zum Mitmachen motivieren. So geben wir gelegentlich Einblicke in unsere Arbeit, z.B. für Studentengruppen oder Unternehmen, die uns besuchen kommen und Inspiration suchen. Als gemeinnütziger Verein und Unternehmergesellschaft haben wir unsere Strukturen neu sortiert. Zukünftig möchten wir noch mehr in Gemeinschaftsprojekten zusammen arbeiten. Neue Co-Farmer sind immer willkommen – gerade haben wir einige zusammenhängende freie Plätze zu vergeben.

 Sie geben ihr Wissen auch weiter in Corporate Design-Workshops und als Dozentin für Grafikdesign. Gibt es etwas, das Ihnen hierbei besonders wichtig ist?

In der Lehre möchte ich meine Art des Hinterfragens, vernetztes Denken, das Erkennen von Zusammenhängen und meine systematische Herangehensweise weitergeben, die Grundlage für nachhaltiges Design sind. Auch die Frage danach, für wen ich arbeiten will – Design mit Haltung.

Meine Corporate Design-Workshops, die an Auftraggeber gerichtet sind, sensibilisieren für den Kreationsprozess und dessen Zeitaufwand. Oft haben die Auftraggeber schon viele eigene Ideen und vergessen dabei, wen sie erreichen wollen. Mit meinen Fragen für das Corporate Design werden oft grundsätzliche Fragen der Corporate Identity aufgeworfen.

Besonders spannend sehen die Ergebnisse der Workshops der Reihe Eco-Streetart aus. Können Sie uns das Konzept kurz erläutern? Und ist in diesem Bereich etwas Neues in Planung?

Workshop initiiert von Carolin Oelsner, Treppe zur „Stadtterrasse“ am Aufbau Haus am Moritzplatz

Streetart aus Weggeworfenem

Bei diesem Workshop soll unser Konsumverhalten hinterfragt werden. Inspiriert hat mich der Künstler Ursus Wehrli mit seinem Projekt »Kunst aufräumen«. Was man mit Kunst kann, kann man auch mit Weggeworfenem – und es wieder zu Kunst werden lassen. Entstanden sind unter anderem Infografiken oder Collagen aus Weggeworfenem, was wir in der Umgebung gefunden haben. Als Infografik wurden die Materialien beispielsweise nach der Dauer des Abbaus in der Natur sortiert und auf einer Treppe aufgebaut. Das hat die Neugier vieler Passanten geweckt. So kommt man ins Gespräch – ohne erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem motivierenden künstlerischen Ansatz.

Aktuell sind keine fortlaufenden Workshops geplant, da ich im Moment die Gründung eines Freelancer-Verbundes voranbringe. Auf Anfrage führe ich die Workshopreihe aber gern angepasst auf den Veranstaltungsrahmen fort.

 

Was hat es mit dem Freelancer-Verbund auf sich?

Hier werden die Expertisen meiner werteorientierten Netzwerk-Partner in einem starken gemeinwohlorientierten Verbund vereint. Gemeinsam sind wir in der Lage auch große umfangreiche Projekte zu begleiten. Im Rahmen der Nachtschicht – ein Format für NGOs und Kreative, bei der wir kürzlich einen Abend lang unsere Expertise spendeten – haben wir für den Champions ohne Grenzen e.V. eine kommunikative Leitidee entwickelt. Der Verein organisiert im Kerngeschäft regelmäßige kostenlose Fußballtrainings mit Flüchtlingen und Menschen aus aller Welt und hat wenig Zeit für Öffentlichkeitsarbeit. So musste eine Leitidee her, die schon auf der Visitenkarte fundraisingwirksam ist. In einem höchst partizipativen Prozess haben wir Ideen entwickelt und erste Ansätze visualisiert. Im Gegensatz zu starren Agenturstrukturen ist uns eine Zusammenarbeit mit flachen Hierarchien / kurzen Wegen und die Begegnung auf Augenhöhe wichtig. Das lässt uns Budgets viel effizienter nutzen. Die Erfahrung aus größeren gemeinsamen Projekten zeigt es – höchst zufriedene Auftraggeber wie z.B. Teach First Deutschland oder die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe kommunizieren mit unseren entwickelten Konzepten und Medien gern und erfolgreich.

 Die letzte Frage: Wie wünschen Sie sich eine gelingende Nachhaltigkeitstransformation?

Wir müssen mit kleinen Schritten vorangehen und von uns selbst ausgehen – die ideale Nachhaltigkeitstransformation fängt bei mir, bei dir, bei uns an. Der Weg ist das Ziel, das muss uns klar sein. Dabei denken wir Prozesse und Nutzungsgewohnheiten um. Wenn alle ihr Konsum- und Nutzungsverhalten von Alltagsgegenständen ändern würden, würden wir gewaltig viel mehr erreichen können. Die Politik darf uns dabei nicht in den Rücken fallen und sollte Graswurzelbewegungen mehr stärken anstatt intransparente Industrien oder Wirtschatsformen zu subventionieren, die uns langfristig schaden. Deswegen ist Aufklärung wichtig. Lasst uns mehr Kampagnen an Endverbraucher richten, denn letztendlich ist jeder Kassenzettel ein Wahlzettel und somit ein wichtiger Beitrag zur Transformation.

 

Vielen Dank für das Interview!

Wenn auch Sie Lust haben eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft mitzugestalten, werden Sie Change Agent mithilfe des Weiterbildungsangebots „Strategisches Nachhaltigkeitsmanagement“ an der HNE Eberswalde.

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