Energiepioniere: Wie ein Berliner Start-up es schafft, mit smarter Innovation die Elektrifizierung in Ostafrika voranzutreiben

Die Installation eines Solarmoduls auf einem Haus in Tansania.

Die Installation eines Solarmoduls auf einem Haus in Tansania. Ein Stromnetz wie hierzulande gibt es in Afrika oft nicht – Solarenergie ist für viele die einzige Möglichkeit an Strom zu gelangen.

Das Berliner Start-up Mobisol beliefert seit 2013 einkommensschwache Haushalte in ländlichen Regionen von Ostafrika mit bezahlbaren Solarsystemen für eine zuverlässige Stromversorgung. Dafür wurde das Unternehmen u.a. mit dem Momentum für Change Award der UNFCC (2015) und dem Berliner Ecosummit Award 2016 ausgezeichnet.

Mobisol hat Solaranlagen entwickelt, die durch eine innovative Kombination von Solar- und Mobilfunktechnologie sowie einem umfassenden Kundendienst auch den ärmeren Bevölkerungsschichten im „Globalen Süden“, die nicht an das öffentliche Stromnetz ausgeschlossen sind, eine erschwingliche und nachhaltige Stromversorgung ermöglichen. Lisa Schwarz von Mobisol berichtet im Gespräch mit Britta Kunze von der Unternehmensidee, der Vision und dem Nachhaltigkeitsverständnis des Start-ups.

Woher kam Euch die Idee, Solarstrom und dessen Mikrofinanzierung per Mobiltelefon zum Geschäftsmodell zu machen?

Die Grundidee für Mobisol war, zwei revolutionäre Technologien zu kombinieren. Zum Einen die Solartechnik – wobei uns die Preisentwicklung auf dem Weltmarkt entgegen kam: In den letzten zehn Jahren sind die Preise für Photovoltaik um über 90% gesunken. Der andere Aspekt ist die Entwicklung der Mobilfunktechnologie und der wachsende Absatz von Handys in Entwicklungsländern: Etwa 80% der Erwachsenen im südlichen Afrika besitzen mittlerweile ein Mobiltelefon. Die sinkenden Preise für Solartechnologie machen den Vertrieb von qualitativ hochwertigen Solarsystemen in ökonomisch weniger entwickelten Regionen überhaupt erst möglich. Durch den Ausbau der Mobilfunknetze können in Regionen, in denen kein ausgebautes Bankensystem vorhanden ist, via Mobile Banking größere Anschaffungen per Ratenzahlung abbezahlt werden. So bezahlen bei Mobisol die Kunden ihr Solarsystem via SMS in mikrofinanzierten monatlichen Raten über drei Jahre hinweg ab – dafür ist weder ein Bankkonto noch ein persönliches Erscheinen in einer Verkaufsstelle nötig.

Durch die Mikrofinanzierung – die Höhe der Raten orientiert sich dabei an den vorherigen Ausgaben für fossile Brennstoffe – können einkommensschwache Einzelhaushalte, die sich sonst keine qualitativ hochwertigen Solarsysteme im Direkterwerb leisten könnten, die Anlagen finanzieren. Doch selbst bei qualitativ hochwertigen Anlagen muss auf die korrekte Installation geachtet werden und eine richtige Nutzung und Wartung gewährleistet sein. Deshalb schließt Mobisols Angebot neben dem technischen System lange Garantiezeiten, professionelle Installation und einen umfassenden Kundendienst mit ein.

Die ersten Komponenten des Mobisol Prototyps wurden 2010/2011 in einem Schlafzimmer im Berliner Stadtteil Friedrichshain entwickelt. 2011 wurden die Systeme in zwei Pilotprojekten in Ostafrika getestet und optimiert. Nach Abschluss der erfolgreichen Pilotphase und dem weiteren Ausbau des Serviceangebots erfolgte dann Anfang 2013 der kommerzielle Markeintritt.

Was ist die Vision Eures Unternehmens?

Es werde Licht.

Es werde Licht. Mobisol bietet Haushalten in Ostafrika kompakte Solarsysteme an, die ausreichend Strom für die Grundversorgung einer Familie liefern – also Licht, Radio und Handy. Größere Versionen können auch einen Kühlschrank oder Maschinen z.B. Krankenhäusern betreiben.

Mobisols vorrangige Vision ist es, eine stetig wachsende Anzahl von Haushalten in Entwicklungsländern mit sauberem Strom versorgen. Dabei ist es uns vor allem wichtig, ein wirklich nachhaltiges Elektrifizierungsmodell anzubieten. Vom Design der Produkte (sie müssen solide, energieeffizient und gut an die lokalen Charakteristika angepasst sein) über die Produktion (die Produzenten müssen nachhaltig arbeiten und qualitativ hochwertige Produkte fertigen), bis hin zu fachgerechter Installation und Wartung durch gut ausgebildete Solartechniker sind alle Aspekte unserer Arbeit auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Gleichzeitig müssen die Preise für unsere Produkte niedrig bleiben, damit sich unsere Kunden die Anlagen leisten können: Wir wollen eine wirklich funktionierende Alternative zu fossilen Brennstoffen anbieten. Denn nur wenn wir den Energiehunger aufstrebender Nationen mit erneuerbaren Energien und tragfähigen nachhaltigen Konzepten befriedigen können, werden wir auf lange Sicht einem Klimawandel von gravierenden Ausmaßen entgegenwirken.

Was macht ihr in Berlin und was in den Projektländern?

In Berlin-Kreuzberg werden die Systeme und Komponenten von Mobisols Ingenieursteam entwickelt. Hier sitzen z.B. die Programmierer der IT- und Datenbanklösungen, das Projektmanagement, das Business Development, das Team zur Qualitätssicherung und die Finanzabteilung.

Das Mobisol System umfasst ein Solarpanel, eine Solarbatterie mit Solarregler, LED Lampen, alle notwendigen Kabel und Schalter zur Installation sowie Handy-Ladestecker. Die Solarsysteme sind leistungsstark genug, um den Strombedarf eines durchschnittlichen ostafrikanischen Haushalts abzudecken. Es können damit Handys aufgeladen und mehrere LED Lampen sowie Radios, TV-Geräte und Ventilatoren betrieben werden, aber auch Laptops und Internet-Router, Rasierer und Bügeleisen und sogar effiziente Gleichstrom-Kühlschränke. Das Team in Berlin arbeitet mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort in Ostafrika daran, die Systeme fortlaufend zu optimieren. Gleichzeitig sind wir aktuell dabei, unser Angebot an energieeffizienten Gleichstromgeräten zu erweitern und ausgiebig zu testen.

Weiterhin ist in Berlin das IT- und Datenbankteam aktiv. Mobisol hat eine innovative Softwareunterstützung für Wartungsprozesse und den Kundendienst bei Solarsystemen entwickelt. Herzstück der Systeme vor Ort ist ein Solarregler mit integriertem GSM-Modem, über das die technischen Daten des Panels, der Batterie und des Energieverbrauchs in Echtzeit in eine web-basierte Datenbank übermittelt, überprüft und gespeichert werden. So können die lokalen Techniker potentielle Probleme bei der Nutzung frühzeitig erkennen und beheben, bevor eine Beeinträchtigung des Systems erfolgt. Auch die mikrofinazierte Ratenzahlung läuft über die Datenbank.

In den Projektländern vermarkten, verkaufen und warten wir die Solarsysteme. Dabei sind die Teams in Tansania und Ruanda in den letzten Jahren auf über 600 Beschäftigte angewachsen. Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Kundenkontakt in Tansania und Ruanda werden in der Mobisol Akademie ausgebildet, wo sie sich u.a. Grundkenntnisse zu erneuerbaren Energien und Solartechnologie aneignen. Die Sales Agents und Installationstechniker kommen größtenteils selbst aus den ländlichen Regionen, in denen sie auch verkaufen und installieren, so dass sie sich mit den lokalen Gegebenheiten gut auskennen und in der Lage sind, gute Beziehungen mit den Kunden aufrechtzuerhalten – was für den Kundendienst im ländlichen Ostafrika sehr wichtig ist.

Lange Garantiezeiten und die kostenfreie Wartung der Solaranlagen für drei Jahre sind im Preis inbegriffen. Teil des Kundendienstes ist eine kostenfreie Servicehotline und das Versprechen, dass innerhalb von 48 Stunden etwaige Probleme behoben werden können.

Was genau versteht ihr unter Nachhaltigkeit?

Unser Nachhaltigkeitsverständnis umfasst vier Hauptaspekte: Zum einen das Design und den Vertrieb nachhaltiger Produkte, Dienstleistungen und Innovationen; zweitens ein wertschätzendes Miteinander im Team; drittens sinnvolle Geschäfte und viertens das Empowerment unserer Kunden und Kundinnen.

Grundziel von Mobisol ist das Design und der serviceorientierte Vertrieb nachhaltiger Produkte, Dienstleistungen und Innovationen. Dabei sind wir unternehmerisch tätig – also als profitorientiertes Unternehmen, und nicht als NGO oder Stiftung. Wie wollen von den oft zeitlich und geographisch begrenzten Fördergeldern unabhängig zu sein, und wir möchten langfristig ein stabiles Angebot auf die Nachfrage von Produkten und Services durch unsere Kunden  bieten können. Dazu müssen wir vor Ort Kompetenzen aufbauen, Kleinunternehmer unterstützen und vor allem das Leben unserer Kunden verbessern. Wir sind ein marktorientiertes Unternehmen, wollen aber mit unserem unternehmerischen Handeln gleichzeitig einen nachhaltigen Beitrag für unsere Kunden, die Mitglieder unseres stetig wachsenden Teams und natürlich die Umwelt leisten.

“I am proud to own my personal electricity source. At night, my family now has clean and bright lights - and we can even power a refrigerator." Beatrice Akyoo, Mobisol Customer since Feb 2011

“I am proud to own my personal electricity source. At night, my family now has clean and bright lights – and we can even power a refrigerator.“
Beatrice Akyoo,
Mobisolkundin seit 2011

Habt ihr das Thema Nachhaltigkeit strategisch verankert?

Ja, schon allein dadurch, dass die langfristige Bereitstellung von Solarstrom für einkommensschwache Haushalte in einigen der einkommensärmsten Ländern dieser Welt unser vorrangiges Unternehmensziel ist, geht es bei uns um Themenbereiche, die z.B. in den Sustainable Development Gols (Nachhaltigkeitszielen) der Vereinten Nationen genannt werden, darunter Armutsbekämpfung, Bereitstellung von sauberen Energien zu erschwinglichen Preisen oder die Förderung von Innovation und Infrastruktur.

Weiterhin ist das Thema Nachhaltigkeit bei Mobisol in verschiedener Hinsicht relevant. So sind wir bespielweise eine zertifizierte B Corporation – B Corps sind Unternehmen, die eine ausführliche Prüfung ihres sozialen, ökonomischen und ökologischen Impacts auf stakeholder wie Kunden, Mitarbeiter und die Umwelt durchlaufen haben und dementsprechend zertifiziert werden.  Mobisol hat zudem ein Klimaschutzprojekt in Zusammenarbeit mit myclimate entwickelt, deren Klimaschutzprojekte sehr strengen ökologischen und sozialen Kriterien unterliegen. Weiterhin reporten wir regelmäßig streng definierte Key Performance Indicators (KPIs) zu den sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen unserer Arbeit und arbeiten im Rahmen von finanziellen und strategischen Partnerschaften mit Institutionen wie der EU, der UN Initiative Sustainable Energy for All und der Global Off-Grid Lighting Association zusammen, um die Implementierung erneuerbarer Energien in Entwicklungsländern voranzutreiben.

Intern treiben wir das Thema Nachhaltigkeit durch den Aufbau eines Sustainability Boards voran. Dieses ist für die Formulierung der Nachhaltigkeitsziele von Mobisol verantwortlich und soll Unternehmen und Management kontinuierlich bei der Entwicklung neuer Produkte und Services sowie bei der Entscheidungsfindung mit Blick auf Nachhaltigkeitsaspekte beraten und unterstützen.

Seht ihr Euch selbst überhaupt als nachhaltiges oder Social Business?

Auf jeden Fall. Mobisol erzeugt aktuell mit über 45.000 installierten Solarsystemen günstigen und sauberen Strom für mehr als 200.000 Menschen in den ländlichen Gebieten Ostafrikas. Anfangs ging es uns dabei vor allem darum, eine nachhaltige Alternative zu fossilen Brennstoffen für Entwicklungsländer bereitzustellen und auf diesem Weg zur Bekämpfung des Klimawandels beizutragen.

Heute sehen wir es als zumindest genauso wichtig an, Kunden in entlegenen Gebieten Ostafrikas einen Service bereitzustellen, der für uns in Deutschland so selbstverständlich wie unverzichtbar ist: Bei Dunkelheit das Licht anzuknipsen, Handys aufzuladen, Radio zu hören, Fernsehen zu schauen oder einen Computer zu betreiben. All das funktionierte für weite Teile der ländlichen Bevölkerung Ostafrikas zuvor entweder nur lückenhaft und sehr beschwerlich – oder eben gar nicht. Durch Solarstrom werden Kerosinlampen überflüssig, die teuer und umständlich zu betreiben sind und umweltschädliche Gase emittieren, die zudem für Menschen äußerst gesundheitsschädlich sind.

Viele unserer Kunden können durch den Solarstrom auch ihre wirtschaftliche Situation verbessern: Etwa ein Drittel von ihnen nutzt das Mobisol System, um ein zusätzliches Haushaltseinkommen zu erwirtschaften – etwa durch das Aufladen von Handys und Solarlampen oder das Betreiben von Dorfkinos.

Zusätzlich hat sich Mobisol zu einem begehrten Arbeitnehmer in der Region entwickelt: In der Mobisol Akademie werden unsere Kolleginnen und Kollegen umfassend und kostenfrei ausgebildet, und die Beschäftigung als Installationstechniker oder Sales Agent ist eine reelle Chance für junge Leute aus ländlichen Gebieten, wo der Arbeitsmarkt traditionell prekär ist, einen soliden und einträchtigen Job auszuüben. Bisher sind in Ostafrika so über 600 feste Arbeitsplätze entstanden.

Gleichzeitig bemühen wir uns, innerhalb der Teams in Berlin und Ostafrikas ein gutes Arbeitsklima zu schaffen und in sämtlichen Aspekten unseres Wirtschaftens Nachhaltigkeit zu garantieren. Das ist bei einem rapide wachsenden Team von über 700 Leuten auf drei Kontinenten und unseren zahlreichen Zulieferern nicht ganz einfach, und es gibt immer Spielräume zur Optimierung. In jedem Fall arbeiten wir tagtäglich hart daran, unsere Nachhaltigkeitsziele umzusetzen und weiter voranzutreiben.

 

Ein Interview mit dem Gründer von Mobisol, Thomas Gottschalk, finden Sie hier auf the changer.org.

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