„Nachhaltigkeit Studieren“ – Interview mit Studiengangsleiter Dr. Benjamin Nölting im aktuellen Magazin des WiLa Bonn

Ende März ist ein Interview mit Dr. Nölting zum Thema „Nachhaltigkeit studieren“ im Magazin arbeitsmarkt Umweltschutz + Naturwissenschaften des Wissenschaftsladen Bonn erschienen.

Unter anderem ging es in dem Gespräch mit Redakteurin Jasmin Welker darum, ob und welche Studienangebote zu Nachhaltigkeit in Deutschland bestehen, was Arbeitgeber*innen von Nachhaltigkeitsmanager*innen erwarten (dürfen) und wie die Lehrenden im berufsbegleitenden Weiterbildungsangebot Strategisches Nachhaltigkeitsmanagement an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde sicherstellen, kompetente und praxiserprobte change agents auszubilden. Einig waren sich beide, dass der Bedarf an Fachkräften rund um das komplexe Themenfeld Nachhaltigkeit wächst und Hochschulen ihre Ausbildungsangebote entsprechend weiter anpassen und ausbauen sollten.

Warum bieten Sie den Studiengang Nachhaltigkeitsmanagement an?
Es gibt zwei Arten der Nachfrage: Auf der einen Seite fragen Studierende, die das Gebiet interessiert, selbst nach Nachhaltigkeitsstudiengängen. Auf der anderen Seite setzen sich Unternehmen, Non-Profit-Organisationen und Behörden immer mehr mit Nachhaltigkeit auseinander und schauen, wer für das Arbeitsgebiet ausbildet. Bisher gibt es nur eine Handvoll Studiengänge, die Nachhaltigkeitsmanagement anbieten. Es sind noch zu wenige, denn der gesellschaftliche Bedarf an Nachhaltigkeitsmanagern ist groß.

Wie sehen gerade die Chancen von Nachhaltigkeitsmanagern auf dem Arbeitsmarkt aus?
Eine Jobgarantie kann man natürlich nicht aussprechen. Aber Stellen in Abteilung Nachhaltigkeitsmanagement werden langsam mehr. Unternehmen wollen nicht nur Leute, die sich Nachhaltigkeit nebenbei autodidaktisch angeeignet haben, sondern auch Personen, die eine qualifizierte Berufsausbildung gemacht haben. Oft sind Stellen allerdings nicht als Nachhaltigkeitsmanagement ausgeschrieben. Bei manchen Tätigkeiten, wie zum Beispiel im Lieferkettenmanagement, kann es aber von Vorteil sein, wenn Sie sagen können: Ich kann Nachhaltigkeitsmanagement.

Was genau machen Nachhaltigkeitsmanager eigentlich?
Das Bild des Arbeitsfeldes befindet sich im Wandel. Ursprünglich kam es aus dem Umweltmanagement, wurde dann aber erweitert, beispielsweise in Richtung Personal und Reporting. Aktuell versuchen Nachhaltigkeitsmanager das Thema Nachhaltigkeit in die Kernprozesse des Unternehmens einzubringen. Sie schauen nochmal mit einer anderen Perspektive auf die Unternehmensprozesse.

Für Ihren Studiengang haben Sie untersucht, was ein Nachhaltigkeitsmanager für seinen Job braucht. Was sind das für Kompetenzen?
Nachhaltigkeitsmanager müssen alles können. Zum einen über den Tellerrand hinausgucken, eine langfristige und globale Perspektive einnehmen und Mittler innerhalb der Prozesse in ihrer Organisation sein. Zum anderen versuchen sie bestimmte Themenfelder, wie zum Beispiel Lieferketten, in Sachen Nachhaltigkeit in Angriff zu nehmen.

Sind Nachhaltigkeitsmanager dann eher Allrounder oder doch eher Spezialisten?
Ich will jetzt nicht sagen beides. Sie müssen eine Sache gut können, einen Prozess oder eine Abteilung in ihrem Unternehmen müssen sie gut kennen und fachlich versiert steuern können. Aber es hilft eben nicht, wenn sie nur einen Teil des Unternehmens verändern, sondern sie müssen das eben mit Blick auf das gesamte Unternehmen und das Unternehmensumfeld machen. Deshalb müssen sie für bestimmte Verantwortlichkeiten Spezialisten sein und gleichzeitig einen interdisziplinären Blick haben. Außerdem müssen sie gut kommunizieren können.

Wie schlagen sich diese Kompetenzen im Aufbau des Studiengangs nieder?
Wir haben unseren Studiengang in drei Schritten angelegt. Zuerst lernen die Studierenden, sich in Sachen Nachhaltigkeit zu orientieren und zu positionieren. Im ersten Modul kartieren die Studierenden den Stand des Wissens über nachhaltige Entwicklung. Im zweiten Semester geht es um die Strategieentwicklung und -umsetzung. Dabei wird das Geschäftsmodell eines Unternehmens auseinandergenommen und ein Managementkonzept erstellt. Im dritten Schritt soll unseren Studenten bewusst gemacht werden, wie sie Veränderungsprozesse anstoßen, begleiten und systemisch anleiten können. Denn oft stößt man bei langwierigen Veränderungen im Feld der Nachhaltigkeit auf Ängste von Mitarbeitern oder Kunden. Unsere Nachhaltigkeitsmanager lernen so, mit Konflikten umzugehen und Nachhaltigkeit zu moderieren.

Kann man in einem solchen Studiengang überhaupt alle Kompetenzen lernen, die man auf dem Arbeitsmarkt braucht?
Das können Sie natürlich nicht. Aber es reicht auf keinen Fall aus, das nur theoretisch zu lernen. Nachhaltigkeitsmanagement lässt sich nicht nach dem Handbuch umsetzen. Man braucht immer die Auseinandersetzung mit der Praxis. Das ist ja bisher nicht gerade die Domäne der Hochschullehre gewesen. Persönliche Kompetenzen, die man zum Beispiel bei der Klärung von Konflikten braucht, können sie im Studium nur anreißen und versuchen zu trainieren. Wir haben daher eine Art Labor konzipiert. Studierende bringen dort ihre Problemstellungen aus dem Berufsalltag ein: Im Dialog mit Kommilitonen und Dozenten versuchen sie, nicht eine Blaupause anzuwenden, sondern robuste, unternehmensspezifische Lösungen zu entwickeln.

Wie gewährleisten Sie, dass das, was die Studenten büffeln, auf dem Arbeitsmarkt gebraucht wird?
Unseren Studiengang haben wir mit einem Praxisbeirat zusammen entwickelt. Mit diesen Experten wurde skizziert, was für Kompetenzen in der Praxis gebraucht werden. Unsere Module leiten darüber hinaus jeweils zwei Verantwortliche: Eine Person aus der Wissenschaft und eine Person aus der Praxis. Und wir machen ein Nachhaltigkeitsprojekt, in dem die Studierenden das, was sie an Konzepten lernen, praktisch umsetzen.

Inwiefern braucht es mehr grüne Studiengänge?
In Deutschland gibt es bislang wenig hundert Absolventen von Nachhaltigkeitsmanagementstudiengängen. Die meisten Studiengänge sind ganz neu. Gleichzeitig gibt es viele Unternehmen, die nach Absolventen im Nachhaltigkeitsbereich fragen. Hochschulen reagieren so sowohl auf das Interesse der Studierenden selbst als auch auf die Nachfrage der Unternehmen. Neue Studiengänge haben oft einen Bezug zur Nachhaltigkeit. Allerdings sind sie eher auf operative Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Würde es nicht reichen, die neuen Inhalte von Nachhaltigkeitsstudiengängen in bereits bestehende Studiengänge zu integrieren?
Das kommt immer ein bisschen darauf an, was sie wollen. Ich denke, dass es schon sehr viel bringen würde, in die Standardstudiengänge wie BWL Nachhaltigkeitsmodule einzubauen. Was man aber nicht in zwei Modulen lernt, ist, sowohl in die Tiefe zu gehen als auch systemisches Denken in der Breite zu üben. Die Ausbildung zum Nachhaltigkeitsmanager muss die komplexe Realität darstellen. Dazu braucht es noch mehr Nachhaltigkeit-Studiengänge.

Hochschulen müssen sich ja irgendwie profilieren. Dient die Einführung neuer Studiengänge wie Nachhaltigkeitsmanagement so eher dem Hochschulinteresse als der Ausbildung für den Arbeitsmarkt?
Das kann durchaus sein (lacht). Aber gerade berufsbegleitende Studiengänge werden aus Gebühren finanzierz. Und wenn Sie da ein Überangebot auf dem Markt haben, werden natürlich nicht alle Studiengänge durchhalten. Auf der anderen Seite finde ich es natürlich gut, wenn sich Hochschulen in Sachen Nachhaltigkeit profilieren wollen. Ich denke, unsere Gesellschaft kann noch viel mehr Wissenschaft und Ausbildung in diesem Bereich gebrauchen. Außerdem werden im Bereich des Nachhaltigkeitsmanagements von unterschiedlichen Hochschulen sehr interessante unterschiedliche Vertiefungen angeboten. So hat man die Auswahl zwischen Hochschulen und kann eigene Schwerpunkte setzen. Sie finden an deutschen Hochschulen in qualitativer Sicht in Sachen Nachhaltigkeitsmanagement ein sehr gutes Angebot.

Im Berufsfeld Nachhaltigkeit tut sich gerade viel, bessern Sie Ihren Studiengang laufend nach?
Ja, auf jeden Fall. Wenn wir das Thema Nachhaltigkeit ernst nehmen, dürfen wir nicht nur auf andere gucken, sondern müssen bei uns selbst als Hochschule anfangen. Wir haben gemerkt, dass wirbislang nicht alle Kompetenzen unterrichtet haben, die wichtig sind. Beispielsweise diskutieren die Studierenden jetzt stärker über Wertfragen, sie üben, mit Dilemmasituationen umzugehen, und überlegen, welche persönlichen Kompetenzen sie für nachhaltige Entwicklung einbringen können. Wir müssen uns selber noch weiter entwickeln. Das machen wir in unserem Studiengang ganz intensiv in Zusammenarbeit mit unseren Studierenden und mithilfe von außen.

Berichte und rund 300 Stellenanzeigen aus dem Arbeitsmarkt Umweltschutz sind Woche für Woche im arbeitsmarkt Umweltschutz l Naturwissenschaften. Informationen zum Abonnement unter www.wila-arbeitsmarkt.de. Wissenschaftladen Bonn e.V., Reuterstr. 157, 53113 Bonn, aboservice@wilabonn.de, Tel. (02 28) 2 01 61-15.

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